12. Juli 2011

DSM-5: Der Wahnsinn der Normalität

Was ist normal? Was psychisch krank? Mit der Neuauflage des Standardswerk für psychiatrische Diagnostik (DSM) fallen die Antworten ab 2013 anders aus als bislang.

Handelt es sich bei den Neuerungen um eine erstrebenswerte Zukunft psychiatrischer Diagnosen?
Die für 2013 geplante Neuauflage des amerikanischen Standardwerks zur Diagnostik mentaler Störungen (DSM: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) zieht weite Kreise. Kritiker befürchten, dass damit eine Vielzahl von Krankheiten geschaffen werden, wo vorher keine waren.

»Wir kommen an den Punkt, wo es kaum noch möglich ist, ohne geistige Störung durchs Leben zu kommen - oder zwei oder eine Handvoll«, urteilt zum Beispiel der Psychologe Allen Frances. Dabei ist Frances selbst einer jener Experten, die die Neuerungen des DSM-IV auf den Weg brachten. Seinen nunmehr kritischen Standpunkt verdankt Frances sicherlich dem unbarmherzigsten Lehrmeister: der Erfahrung: »Durch unsere Arbeit für DSM-IV haben wir Epidemien wie das Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Syndrom ADHS erschaffen.«

Einer der Hauptkritikpunkte am DSM-5 ist die Aufweichung verschiedener Krankheitsbilder bis hin zur Aufnahme z.B. »abgeschwächter Psychose-Syndrome«. Bislang galten solche potentiellen, keineswegs zwangsläufig in eine Psychose führenden, Vorstufen nicht als eigenständige Diagnosen. Zurecht, postulieren viele Experten, Betroffene und Angehörige. Denn der Diagnose-Stempel der mit diesen Neuerungen allzu schnell aufgedrückt werden kann, führt zu Stigmatisierungen, die man nur schwer wieder los wird. Tatsächlich entwickeln lediglich etwa 30 Prozent der potentiell psychotischen Teenager ein behandelnswertes Leiden. Ziehen die Neuerungen des DSM-5 also eine dramatische Erhöhung von falsch positiv Diagnosen mit sich?

Weiterer Kritikpunkt, der der sogenannten »Task Force« der APA (American Psychiatric Association), die den DSM-5 derzeit entwickelt, vorgeworfen wird ist eine gemutmaßte Befangenheit, aufgrund nicht nur gemutmaßter Kontakte verschiedener Experten zur Pharma-Industrie. Bedeuten neue Möglichkeiten zu Diagnostizieren auch neue Möglichkeiten zur Psychopharmaka Verbreitung?

Bei den diversen neuen bzw. aktualisierten Störungsbildern werden Psychopharmaka dann wie im Schrotschussverfahren eingesetzt, »vergleichbar mit den Anfängen der Chemotherapie«, sagt der Psychiater,  Prof. Asmus Finzen. Dass die verschriebenen Psychopharmaka den Patienten auch helfen, sei in vielen Fällen jedoch nur ein Wunsch, sagt Finzen. Viele der Medikamente sind zudem alles andere als harmlos. Auch die neueren Neuroleptika, die Atypika, ziehen eine Vielzahl von schwerwiegenden Nebenwirkungen mit sich. So schließen jüngste Studien, die eine deutlich verminderte Lebenswerwartung bei Menschen mit Psychoseerkrankungen belegen, auch die negativen Auswirkungen von Psychopharmaka als Ursache nicht aus. Dennoch gilt in diesem Punkt für Finzen »die jeweilige individuelle Situation ist die Grundlage für den Einsatz bestimmter Behandlungsmethoden - auch der Medikamente -, für die sorgfältige Risiko-Nutzen-Abwägung und schließlich die Entscheidung, was denn zu tun ist.«

Bis zum 15 Juli hatten Psychologen und Psychiater, aber erstmals in der Entwicklungsgeschichte des DSM auch Betroffene, Angehörige und die breite Öffentlichkeit an sich die Möglichkeit zum kritischen Feedback. Ein umfassendes Bild aller Neuerungen, sowie die Chance zur Kritik an »richtiger« Stelle haben Sie auf der offiziellen Webseite der APA bzw. der eigens dafür eingerichteten Webpräsenz der »Task Force«.

 

Fakten:

  • Herausgeber des DSM ist die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung (American Psychiatric Association oder APA).
  • Die erste Version des DSM erschien 1952 in Amerika.
  • Die momentan noch aktuelle vierte überarbeitete Version (DSM-4) gibt es seit 1994 in den USA. Seit 1996 liegt auch eine Version in deutsch vor.
  • Das DSM-IV ist ein Ersatz und/oder eine Ergänzung für die jeweiligen Passagen im ICD 10, welches wiederum das internationale Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (World Health Organsation oder WHO) darstellt.
  • Während der ICD alle Krankheiten festhält, beschränkt sich der DSM auf psychische Erkrankungen.
  • In Deutschland wird vorrangig nach ICD diagnostiziert, jedoch ist der Einfluss des DSM auf diesen nicht zu unterschätzen.
  • In vielen Ländern gilt der DSM auch als Grundlage vor Gericht (z.B. bei Sorgerechtsentscheidungen oder der Frage nach der Schuldfähigkeit).
  • Erstmals in der Entwicklungsgeschichte des DSM hat auch die breite Öffentlichkeit die Möglichkeit zum kritischen Feedback auf den Webseiten des DSM 5.


Bildquelle:
Gerd Altmann/ pixelio.de

Quellen:
Taskforce der American Psychiatric Association (APA)

DocCheck News »Ganz normal verrückt«

Der Tagesspiegel »Was ist schon normal?«

Ärzteblatt.de »Psychosen verkürzen das Leben«

Webseite von Prof. Asmus Finzen »Länger leben mit Neuoleptika?«

Psychcentral »Personality Disorders Shakeup in DSM-5

Wikipedia

 

 

 

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