Kleine Chronik der INFO-Redaktion...

...und ihrer Heftproduktion seit 1985 zur Verabschiedung von Erich Wulff aus der Redaktion am 12. Juni 2004 in Paris.

Die Gründung der Sozialpsychiatrischen Informationen (Kurz: Info) wurde im November 1970 auf Anregung von Jan Gross während der zweiten Arbeitstagung des »Mannheimer Kreises« in der damaligen Beratungsstelle Königstraße 6 in Hannover beschlossen. Die ersten Redaktionsmitglieder waren einige Mitarbeiter der Psychiatrischen Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover: Manfred Bauer, Gregor Bosch, Peter Fricke, Reinhard Krüger, Mark Richartz, Renate Wienekamp. Für kurze Zeit war Mitte der 70er Jahre auch Uli Berns mit dabei. Nach Bauers Angaben in Heft 1/86 waren Bosch, Fricke, Krüger und Richartz schnell wieder ausgeschieden, ein paar Jahre später auch »die Wienekamp«, so dass die Redaktion einige Jahre nur aus Bauer selbst bestanden habe. Richartz amüsiert und ärgert sich in seiner Replik in Heft 4/86 über Bauers Darstellung der ersten Jahre. Tatsächlich sei Wienekamp bereits 1973 nach Göttingen verzogen, während Richartz selbst bis zu seinem Wechsel nach Maastricht im Jahre 1977 als Mitglied in einem »ziemlich konstanten Kern, zuweilen ergänzt um Ad-hoc-Redakteure«, die redaktionelle Arbeit gemacht habe. Die redaktionellen Vorbemerkungen und damit die Verantwortung für die einzelnen Hefte hätten in der Periode von 1971 bis 1977 Bauer oder er selbst übernommen. Nicht lange danach sei Bauer selbst nach seinem Weggang nach Offenbach (im Jahre 1980) aus der Redaktion ausgeschieden. Erich Wulff übernahm seit seiner Berufung nach Hannover auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Sozialpsychiatrie eine Art Schirmherrschaft für die Redaktion und nahm nach Möglichkeit auch an den Redaktionskonferenzen teil.

Redaktionsmitglieder und Aufgaben

Bis Ende 1983 erscheinen die Namen der Redakteure im Info nicht, Editorials werden mit »die Redaktion« unterschrieben. Ab 1981 zeichnet erst Hadwig Reinerth, später Dieter Thamm vom Psychiatrie-Verlag, damals noch in Rehburg-Loccum beheimatet, presserechtlich verantwortlich. Die im Heft 1/84 neben Wulff aufgeführten Redaktionsmitglieder sind: Gunter Kruse (seit 1978), Helmut Haselbeck und Ralf Seidel (1980 von Bauer bei seinem Ausscheiden »zur Mitarbeit verpflichtet«), Klaus Becker, Eva Freudenberg und Conny Wessels. In den Jahren 1986 bis 1995 kamen sechs Mitglieder hinzu, die »bei der Stange blieben«: Elgeti (1986), Weber (1988), Eink (1989), Weise (1990), Schernus (1992) und Schmalz (1995). Zwischen 1985 und 1990 traten einige Personen aus der Redaktion aus und andere kamen nur vorübergehend dazu: C. Wessels und Klaus Becker gingen Ende 1985, Matthias Lauterbach war von 1986 bis 1990 dabei, Rosemarie Baum von 1987 bis 1990 und Jochen Schade im Jahre 1990. Ab 1995 arbeitete die Redaktion über acht Jahre in unveränderter Besetzung zusammen, bis 2003 Sibylle Prins die Gruppe verstärkte. Die beiden großen alten Männer der Redaktion, Erich Wulff (77 Jahre) und Klaus Weise (75 Jahre), haben sich im Jahre 2004 entschieden, ihre Mitarbeit zu beenden.

Laut redaktioneller Vorbemerkung in Heft 1 vom Februar 1971 sollte das Info folgende Aufgaben erfüllen: Kritische Vergegenwärtigung der Arbeit des »Mannheimer Kreises«, Information auf regionaler und überregionaler Ebene über konkrete Projekte und Perspektiven in der (Sozial)-Psychiatrie, Informationen über strukturelle Konflikte in der (Sozial)-Psychiatrie mit dem Ziel, Solidarisierungen zu ermöglichen, Informationen über Tagungen, Vereins- und Institutsgründungen sowie über wissenschaftliche Projekte, Informationen über Personalfragen (Stellenbedarf, offene Stellen, Stellenbesetzungen, Entstehen neuer Berufsbilder etc.), Diskussionsforum für alle anstehenden Fragen. Die Redaktion wollte nicht selbst Beiträge verfassen, sondern nur das zusammenzustellen und redigieren, was aus den Regionen an Beiträgen eingeht.

Info ist das geworden, was man damals wollte

In einer Rückschau über die ersten zehn Jahre kommt E. Wulff im Jubiläumsband vom Juni/Juli 1980 zu dem Schluss, dass das Info genau das geworden sei, was man damals wollte. Es sei ein Organ geworden, das
1. unter den verschiedenen in der Psychiatrie Tätigen eine Öffentlichkeit schafft, ihre Gedanken und Vorstellungen, aber auch ihre tägliche Praxis untereinander bekannt macht;
2. gemeinsamen Aktionen eine im Psychiatriebereich breite Öffentlichkeit gibt; und
3. es allen Vertretern einer alternativen Psychiatrie erleichtert, sich zusammenzufinden zu Tagungen und Gesprächen (so etwas wie ein »schwarzes Brett«);
4. von Zeit zu Zeit auch theoretische Grundsatzartikel bietet (wenngleich diese Funktion vorrangig von anderen Publikationsorganen ausgeübt werde, wie dem »Argument«, der Zeitschrift »Sozialpsychiatrie« - das war der DGSP-Rundbrief - , der »Psychiatrischen Praxis« usw.).

Wulff grenzt einige Perioden voneinander ab: In der ersten Zeit wären viele Tagungsberichte abgedruckt und modellhafte Erfahrungen aus dem Ausland vorgeführt worden. Ab etwa 1975 sei dann mehr aus der eigenen Praxis der verschiedenen Info-Leser erschienen. Recht spät und recht wenig sei die Situation in Italien in den Blick genommen worden, in der Berichterstattung über Skandale hätte es eine zunehmende Zurückhaltung gegeben, Fragen der Ausbildung wären zu wenig beleuchtet worden. Fast völlig fehlten Überlegungen, wie eine alternative Psychiatrie durch Alternativen zur Psychiatrie ergänzt werden könne.

Krise der Psychiatrie und der Psychiatriereform

Dadurch, dass das Info inzwischen vom Psychiatrie-Verlag adoptiert wurde, sei es »ehrlich« geworden; Befürchtungen im Hinblick auf Zensur oder Selbstzensur aufgrund dieser Veränderung hätten sich bisher nicht bewahrheitet. Wulff benennt drei Hauptthemen der Zukunft: Neben der Krise der Psychiatrie und der Psychiatriereform gehöre auch die Krise der Reform selber dazu. Zuletzt klingen bei ihm Fragen an, wie es personell mit der Redaktion weitergehen könne, nachdem der neben ihm letzte Initiator des Infos, Manfred Bauer, nach Offenbach gewechselt sei.

Haselbeck berichtet im Editorial von Heft 1/85 von wesentlichen Ergebnissen einer Leserumfrage unter dem Motto: »Was wollen die Leser?« Er unterscheidet zwei Lesergruppen. Die Älteren wünschen sich weniger spontane Artikel, weniger Kleinkram aus dem Alltag und sattsam Bekanntes; die Jüngeren wollen Praxis- bzw. Erfahrungsberichte und auch mal lehrbuchhafte Beiträge. Beide Gruppen haben Interesse an einer ständigen Diskussion über Standort und Ziel psychosozialer Arbeit, politische und rechtliche Rahmenbedingungen.

In Heft 4/91 verfasst wieder Wulff eine Zwischenbilanz zum 20jährigen Bestehen des Infos, in der er sich zunächst an die Dokumentation der DGSP-Kampagne für die Auflösung der großen psychiatrischen Krankenhäuser in Heft Nr. 62 von Mai 1981 erinnert. Nach Aufzählung anderer Highlights diagnostiziert er in den 80er Jahren ein allmähliches Auseinandertreten von DGSP und Info mit einem auf Seiten der Zeitschrift engeren Praxisbezug bei gewisser Vernachlässigung der Öffentlichkeitsarbeit und der politischen Intervention. Er fragt besorgt, ob das Info noch weitere zehn Jahre durchhalten würde und hofft, auch das 30jährige Jubiläum in einem Alter von dann 74 Jahren noch erleben zu können.

Gedankenanstöße zur Jahrtausendwende

Statt eines Rückblicks nach 30 Jahren veröffentlichte die Redaktion Anfang 2000 ein Heft »Gedankenanstöße zur Jahrtausendwende«, zu dem jedes Mitglied einen Artikel ohne thematische Vorgabe beisteuerte. Dadurch konnte hier jeder das schreiben und sich so darstellen, wie er es zu diesem Anlass passend fand, die Lektüre erlaubt einen kleinen Einblick in Temperament und Grundeinstellungen der einzelnen Redakteure.

Das Redaktionssekretariat wurde bis 1985 von Frau Haldenwanger geführt, die dann in Rente ging. Ihre Nachfolgerin als Chefsekretärin in der Abteilung Sozialpsychiatrie der MHH, Frau Schuldig, war von 1990 bis 1995 mit dieser Aufgabe betraut, anschließend waren andere Sekretärinnen in dieser Institution für das Info tätig: Frau Uhlig von 1995 bis 1997 und Frau Mooz im Jahre 1998. In diesem Jahr gab es eine Kontroverse um die vom Verlag »eigenmächtig« eingeführte Nennung eines geschäftsführenden Redakteurs im Impressum des Heftes. Die anfallenden Arbeiten hatte bis zu seinem Wechsel 1988 von der MHH nach Bremen Haselbeck erledigt, anschließend Eink und Freudenberg bis zu ihren jeweiligen Austritten aus der MHH, zuletzt Elgeti. Nach einem Meinungsschwenk der Redaktion von nachträglicher Zustimmung hin zur Ablehnung einer solchen Benennung zwecks Wahrung ihrer egalitären Tradition legte Elgeti diese Funktion nieder. Seit 1999 wird das Redaktionssekretariat von Frau Bielefeld in der Institutsambulanz der KfPP Langenhagen geführt, unterstützt wird sie dabei seitdem von Weber und zuletzt Freudenberg, im Vertretungsfall auch von Kruse.

Auch die Erscheinungsform und der Preis des Infos änderte sich mit den Jahren. Das Info sollte eigentlich sechsmal im Jahr erscheinen, tatsächlich spielte sich aber schnell ein Rhythmus mit je zwei Einzel- und zwei Doppelheften ein. Das Abonnement kostete bis 1973 15,- DM pro Jahr, anschließend 20,- DM. Anfang der 80er Jahre ging man auf vier Ausgaben pro Jahr zurück, der Preis erhöhte sich auf 10,- DM pro Heft. 1994 gab es eine Preiserhöhung auf 13,- DM und 1999 auf 15,- DM. Die äußere Heftgestaltung wurde auf Wunsch des Verlags noch unter der Ägide von Dieter Thamm im Jahre 1987 auf DIN-A4-Format und ein kräftigeres (Tornado-)Rot verändert. Anschließend waren Monika Rohde (bis 1992) und York Bieger die Verbindungsleute des Psychiatrie-Verlags zur Redaktion. 1997 wurde das Layout mit Hilfe einer externen Expertin einer grundlegenden Modernisierung unterzogen.

Themen-Orientierte Schwerpunkthefte

Die Heftproduktion zumindest ab 1985 ist geprägt durch Themen-Orientierte Schwerpunkthefte, die von jeweils einem Redakteur - manchmal auch von zweien - verantwortlich vorbereitet werden. Im Vorfeld wird die Thematik in der zweimonatlich stattfindenden Redaktionskonferenz diskutiert, wobei sich noch interessante Teilaspekte und mögliche Autorennamen ergeben können. Unaufgefordert eingesandte Manuskripte werden von jeweils zwei Redakteuren begutachtet, bei kontroversem Ergebnis folgt in der Regel eine Diskussion in der Redaktionskonferenz und die Benennung eines so genannten Drittlesers zur Entscheidungsfindung. Passen die angenommenen Artikel nicht zu einem der für die nächste Zeit geplanten Schwerpunktthemen, werden sie dort als weitere Beiträge oder in Mischheften veröffentlicht.

Bei der Vorbereitung von Schwerpunkt- und Mischheften waren die Redakteure in den 20 Jahren von 1985 bis 2004 unterschiedlich engagiert. Der eine mag so etwas gar nicht, die andere begnügt sich mit der Redaktion von Mischheften. Bei der editorischen Aktivität wie bei den eigenen Artikeln der Redaktionsmitglieder in den Info-Heften offenbaren sich gelegentlich auch die besonderen Vorlieben der einzelnen Personen. Betrachtet man nur die Schwerpunktthemen aus dieser Zeit, ergibt sich insgesamt folgendes Bild: Relativ häufig vertreten sind Themen zur Versorgung von Psychose- und Suchtkranken, zur Psychotherapie und Rehabilitation, zum Krankheitsverständnis und zum therapeutischen Umgang, zu Theorie, Geschichte und Ethik, zur Versorgungsstruktur und zu politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen der psychiatrischen Arbeit. Transkulturelle Themen, Kinder- und Jugendpsychiatrie fehlen ganz, störungsspezifische Themen, juristische Fragestellungen, Maßregelvollzug und Gerontopsychiatrie weitgehend.

Hermann Elgeti

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