10.05.2013

Pionier einer modernen, ganzheitlichen Psychiatrie

Der Psychiatrie Verlag trauert um den Schweizer Psychiatrie-Reformer und Autor Christian Müller. Den Nachruf von Luc Ciompi erschienen in der »Neuen Zürcher Zeitung« am 04. April 2013 finden Sie hier zumsammen mit einer Auswahl autobiografischer Texte.

Pionier einer modernen, ganzheitlichen Psychiatrie

Zum Tod des Schweizer Psychiatrie-Reformers Christian Müller

Am 29. März ist Christian Müller, früherer ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Lausanne, in seinem 92. Altersjahr in Bern verstorben. Müller war ein weit über die Schweiz hinaus bekannter Pionier einer modernen, ganzheitlichen Psychiatrie, dem der Umgang mit psychisch Kranken gewissermassen schon in die Wiege gelegt war: Bereits sein Grossvater und sein Vater waren Psychiater, und seine ersten Jahre verbrachte der nun Verstorbene in der von seinem Vater geleiteten Psychiatrieklinik Münsingen bei Bern.

Schon als junger Oberarzt am »Burghölzli« in Zürich erregte Müller in den 1950er Jahren internationales Aufsehen mit der Publikation einer mit psychoanalytischen Methoden erzielten Heilung eines Falles von chronischer Schizophrenie.

In der Folge gründete er mit Gaetano Benedetti aus Basel eine internationale Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des psychotherapeutischen Zugangs zu Psychosen. Daraus ist die noch heute in vielen Ländern aktive International Society for the Psychotherapy of Schizophrenia hervorgegangen. Unter seiner 25-jährigen Leitung (1961-86) wandelte sich die Psychiatrische Universitätsklinik Lausanne von einer Grossklinik alten Stils zu einem kleinen, weitgehend offenen und von gemeindezentrierten Teilzeiteinrichtungen flankierten Zentrum zur Behandlung und sozialen Wiedereingliederung von psychisch Kranken.

Neben pharma- und psychotherapeutischen Verfahren fanden neu auch familien-, milieu- und kunsttherapeutische Methoden unter Einbezug von Film, Musik und Malerei Eingang in das therapeutische Arsenal. Ein weiteres Novum war die Eröffnung einer gerontopsychiatrischen Spezialklinik für Alterskranke im Jahr 1962.

In der Forschung förderte Müller ein breites Spektrum von epidemiologischen, neuropsychologischen und biologischen Ansätzen; wichtige neue Erkenntnisse, darunter den Nachweis von langfristigen Heilungschancen selbst bei gravierenden Störungen wie der Schizophrenie, erbrachte insbesondere die von Müller initiierte »Enquête de Lausanne« zur Untersuchung des Langzeitverlaufs von psychischen Störungen über mehrere Jahrzehnte.

Nach seiner Emeritierung lebte Christian Müller in Bern und in Onnens am Neuenburgersee, besucht von Freunden aus aller Welt und bis in die letzten Jahre hinein publizistisch tätig. Besonders zu erwähnen ist, neben psychiatriehistorischen Studien über Paul Dubois und Hermann Rorschach, eine einzigartige Sammlung von Anekdoten unter dem Titel »Psychiatrische Miniaturen«.

Noch viel wichtiger als alle Wissenschaft waren aber für alle, die ihn näher kannten, seine menschliche Ausstrahlung, sein Humor und nicht zuletzt die beispielhafte Art, wie er - bei voll erhaltener geistiger Gesundheit - altersbedingte Schmerzen und Behinderungen mit Würde zu ertragen wusste. Luc Ciompi (Belmont-sur-Lausanne)


Mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung

 

Texte aus dem autobiografischen Buch »Psychiatrische Miniaturen«:


Weitere Texte zum Download finden Sie im Service Bereich der Psychiatrie Verlags Bücher »

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